Dauphin-Orgel Geschichte

 
     
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Eine ungewöhnliche Geschichte und Konzeption

Um das Projekt der Rekonstruktion der Dauphin-Orgel zu verstehen, ist es nötig, einige Jahrhunderte zurückzublicken in die Geschichte der Kleinheubacher Kirche und ihrer Orgeln.

In den Jahren 1707-1710 wurde die evangelische Pfarrkirche neu gebaut. Der Vorgänger-Bau war durch den 30-jährigen Krieg stark beschädigt gewesen. Mit diesem Neubau schuf man auch eine neue Orgel und ersetzte damit das kleine, harmoniumartige Portativ, das bislang die Gemeinde im Gottesdienst begleitet hatte.

Erbauer der neuen Orgel war der aus Thüringen stammende Orgelbauer Johann Christian Dauphin. Er schuf eine für die kleine Kirche mächtige barocke Orgel.  Ihre Größe und Registerauswahl erklärt sich nicht zuletzt dadurch, dass Johann Christian Dauphin sich in Kleinheubach mit einer Orgelbauerwerkstatt niederließ und diese Orgel sozusagen sein Ausstellungsstück wurde, ein Schaufenster für seine Arbeit.

Im Jahre 1882 wurde jedoch die Dauphin-Orgel durch einen Neubau der Firma Steinmeyer ersetzt. Ein romantisches Orgelwerk stand nun im barocken Gehäuse. Wieso die Orgel Dauphins entfernt wurde und was mit ihr geschehen ist – all das liegt im Dunkeln. Fest steht, dass allein der prächtige Barockprospekt von der Orgel Dauphins erhalten blieb. Das 20. Jahrhundert brachte für die Steinmeyer-Orgel schwere Belastungen. Im 1. Weltkrieg wurden die Prospektpfeifen eingeschmolzen und später durch minderwertiges Material ersetzt. Reparaturen nach dem 2. Weltkrieg brachten Verschlechterungen. Auch die Sanierung in den Jahren 1986-88 wurde als letztlich nicht befriedigend beurteilt. Der Orgelsachverständige Roland Weiss urteilt in seinem Gutachten von 2002: „Der Klang der [Steinmeyer-] Orgel – ein Instrument seiner Zeit – ist weder im Detail noch in seiner Gesamtheit überzeugend. Grundtönig, farb- und charakterlos ist das Klangbild der Orgel.“

Abenteuer Orgel

So werden am Ende des 20. Jahrhunderts mit Pfarrer Burkhardt die ersten Überlegungen zu einem Orgelneubau getroffen. Angesichts des originalen Dauphin-Prospekts lag die Idee einer Rekonstruktion der Dauphin-Orgel nahe. Im Mai 2001 unternimmt der Kirchenvorstand eine erste „Orgeltour“ um u.a. die noch größtenteils original erhaltene Dauphin-Orgel in Sulzbach zu erkunden. Der Orgelsachverständige Roland Weiss aus Pegnitz berät die Kirchengemeinde bei der Konzeptfindung und befürwortet in seinem Gutachten vom Oktober 2002 eine Rekonstruktion der Dauphin-Orgel.

Die Vergabe des Auftrags an eine Orgelbau-Firma erweist sich jedoch als kompliziert. In den Jahren 2003-2006 können sich Kirchenvorstand, Orgelsachverständiger, Organist und Dekanatskantor nicht auf eine Firma einigen. Die vom Kirchenvorstand favorisierte Firma Stegemann erfährt nicht die Zustimmung des Sachverständigen und des Landeskirchenamtes.

So kommt es in den Jahren 2007-2008 zu einer erneuten Ausschreibungs-Runde. Nun stehen die Firmen „“Ahrend“ und „Rieger“, zwei international renommierte Firmen, zur Auswahl. Die Entscheidung fällt für die Firma „Rieger-Orgelbau“ aus Schwarzach/ Vorarlberg, u.a. weil diese zusagt, die Orgel in einer absehbaren Zeit fertig zu stellen. Verzögernd wirkt sich auch der Stellenwechsel der Pfarrstelle aus. Im Herbst 2006 verlässt Pfr Burkhardt die Gemeinde, im Herbst 2007 treten Pfarrerin Judith Haar-Geißlinger und Pfarrer Sebastian Geißlinger die Pfarrstelle in Kleinheubach an. Im Frühjahr 2008 kann dann schließlich der Orgelbauvertrag mit der Firma Rieger unterzeichnet werden.

Fundraising – eine Orgel für Kleinheubach

Dies ist auch der Startschuss für ein großangelegtes Fundraising-Projekt. Unter dem Motto „Abenteuer Orgel“ wirbt die Kirchengemeinde für den Orgelbau. Ein Fundraising-Team wird gebildet und vollbringt in den nächsten zwei Jahren ein kleines Wunder: Die Finanzierung eines Orgelbau-Projektes mit Kosten von über 250.000 €!

Ein Spendenbarometer auf dem Kirchhof zeigt den aktuellen Spendenstand an. Viele Menschen bringen Zeit und Ideen ein, um dem Orgelbau zu helfen: Vom Orgelwein bis zu Spendenaktionen an Geburtstagen. Als überaus erfolgreich erweist sich, Orgelpfeifen als „Patenschaften“ zu vergeben. Über 200 Menschen sind in den folgenden 2 Jahren bereit, eine Patenschaft für eine Orgelpfeife zu übernehmen und erhalten dafür eine Gravur ihres Namens in die Pfeife. Kleinheubacher Firmen und Privatleute zeigen sich großzügig und geben große Beträge. Auch die Marktgemeinde Kleinheubach unterstützt das Projekt mit zwei großen Beträgen, schließlich ist die Orgel auch ein Denkmal für eine Kleinheubacher Orgelbauertradition. Ein großer Erfolg ist auch der Spendenlauf im Mai 2009. Kinder und Jugendliche laufen eine abgesteckte Runde rund um die Kirche. Für jede Runde hatten Sponsoren einen gewissen Geldbetrag zugesagt. So kommen über 6000 € an einem Nachmittag zusammen.

Zwischen Geschichte und Gegenwart

Die Rekonstruktion der Dauphin-Orgel forderte zwar allen Beteiligten ein gehöriges Maß an Geduld ab, bot jedoch auch viele Gelegenheiten, interessantes über die Kunst des Orgelbaus zu lernen. Im Frühjahr 2009 unternahm die Kirchengemeinde eine Fahrt zur Orgelbau-Firma Rieger nach Schwarzach in Österreich. Für alle war es  sehr eindrücklich, dort mitzuerleben, wie eine Orgel in aufwändiger Handarbeit gebaut wird.

Großes Glück hatte die Kirchengemeinde mit dem Verkauf der alten Steinmeyer Orgel. Durch Vermittlung des Organisten U. Keller interessierte sich die katholische Kirchengemeinde Seckmauern für die romantische Orgel und kaufte sie schließlich für ihre alte Kirche. Der Kleinheubacher Orgelbauer Thomas Schmidt baute sie in der Kirche von Seckmauern wieder auf.

Der Kirchenvorstand musste  im Verlauf des Orgelbaus wichtige und schwierige Entscheidungen treffen. Eine Herausforderung des Orgelprojekts war es, den Gedanken der Rekonstruktion mit den Bedürfnissen, die man heutzutage an eine Orgel stellt, zu versöhnen. Im Laufe von 300 Jahren hat sich vieles im Orgelbau geändert: Nicht nur die Materialien und die Bauweise, auch die Tonhöhe und die Temperierung der Orgeln.

Um zwischen Gegenwart und Vergangenheit zu vermitteln, brauchte es einen langen Diskussionsprozess zwischen Kirchenvorstand, Sachverständigem, Organisten und Orgelbauer. Mehrmals musste der angestrebte Einweihungstermin verschoben werden. Im Winter 2009 entschied sich der Kirchenvorstand, den Orgelsachverständigen zu wechseln und konnte Christoph Reinhold Morath aus Erlangen, einen Spezialisten für historische Orgeln, zur Mitarbeit gewinnen. Unter der Beratung von C.R. Morath wird das Konzept noch einmal modifiziert: Historisches und zeitgenössisches soll im Orgelwerk nun deutlich getrennt werden. Dies wird durch den Anbau eines „Hinterwerks“ gelöst. Während das Hauptwerk die möglichst getreue Rekonstruktion der Orgel J.C. Dauphins darstellt, sorgt das angebaute Hinterwerk für eine Erweiterung der musikalischen Möglichkeiten auf zeitgenössischem Niveau.

Kopfzerbrechen bereitete auch die Frage der Stimmtonhöhe. Die Orgeln vor 300 Jahren waren höher gestimmt, nicht zuletzt weil die Menschen damals kleiner waren und höher sangen. In diesem Punkt entscheidet der Kirchenvorstand, der Gegenwart ihr Gewicht zu geben: Die Orgel erhält eine moderne Stimmtonhöhe. In der Frage der Temperierung (d.h. der inneren Gestimmtheit der Orgel) empfiehlt ein umfangreiches Gutachten C.R. Moraths eine Temperierung „Werkmeister 1691“.

Mehr als ein Orgelbau

„Abenteuer Orgel“ wurde der Orgelbau  überschrieben und in der Tat konnte die  Kirchengemeinde feststellen, dass der Bau einer Orgel viel mehr ist als „irgendein“ Bauprojekt. Dieser Orgelbau mobilisierte nicht nur viele Menschen, er brachte Kleinheubach auch mit der Geschichte von Gemeinde und Dorf neu in Kontakt. So erforschte der Ahnenforscher Jens-Peter Poeckelmann die Geschichte der Familie Dauphin. Er konnte einen Stammbaum mit mehr als 2369 Personen erstellen. Zirka 600 lebende Nachfahren des Orgelbauers gibt es heute noch, davon leben die meisten in und um Kleinheubach. Viele, die sich für den Orgelbau engagierten, erfuhren erst danach, dass sie eine familiäre Bindung zu dieser Orgel haben. So ist zum Beispiel ein Drittel der Mitglieder des Kirchenvorstands aus der Nachkommenschaft Johann Christian Dauphins.